Jürgen Fischer und Henning Müller, Schloss-Schule Ilvesheim
„Ich dachte, meine Julia ist behindert und jetzt macht sie so was!" - Persönlichkeitsentwicklung blinder und hochgradig sehbehinderter Jugendlicher durch Sport
Die Staatliche Schule für Blinde und Sehbehinderte Ilvesheim versucht, durch eine gezielte Auswahl ihres Sportangebots ihren jungen Schülern Mut und Selbstvertrauen zu vermitteln. Neben Klettern, Judo, Langlauf, Tanzen, Bankdrücken, Skifahren, Kanufahren und Schwimmen wird auch Leichtathletik als Schulsport angeboten. Verschiedene Faktoren haben für die Auswahl dieser Sportarten Pate gestanden:
- Die Staatliche Schule für Blinde und Sehbehinderte in Ilvesheim ist eine Ganztagesschule mit Internat, ein Großteil der Jugendlichen verbringt hier seine Freizeit.
- Für die sehgeschädigten Schüler gehören die Vorurteile der sehenden Umwelt zu den Hauptproblemen: Da es für Sehende unvorstellbar ist, sich ohne Augenlicht zu bewegen, leiten sie davon ein gut gemeintes Bewahren des Blinden ab und berauben ihn jeglicher Dynamik. Als Konsequenz findet sich (fast) kein Sportverein, der Blinden gleichberechtigte Sportangebote macht. Daraus ergibt sich für unsere Schule eine besondere Aufgabe: Wir müssen das fehlende Vereinsangebot ersetzen und den Schülern Möglichkeiten einer sportlichen Freizeitgestaltung aufzeigen. Weiterhin ist es unsere Aufgabe, aufgrund der Vielschichtigkeit der Schularten in Ilvesheim, die auf unterschiedliche Behinderungsarten zurückzuführen sind, für den jeweiligen Schüler die individuell richtige Sportart zu finden.
- Folglich wurde nach Sportarten gesucht, die unter dem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung zusätzlich eine hohe Eigenmotivation haben. Die Sportart sollte bei den Sehenden etabliert und somit auch bewertbar sein. Sehgeschädigte Sportler sollen zu gleichen Bedingungen bei gleichen Leistungsanforderungen teilnehmen können. Bei den ausgewählten Sportarten spielt die Sehkraft somit eine untergeordnete Rolle. Weiterhin ist es wichtig, dass der blinde Sportpartner eine tragende Rolle zugeordnet bekommt.
- Mit der Gründung einer Realschule für blinde und sehbehinderte Schüler setzte in Ilvesheim ein Strukturwandel ein: Fast jede Klasse setzt sich heute aus sehbehinderten, hochgradig sehbehinderten und blinden Jungen und Mädchen zusammen. Somit änderte sich auch das Anspruchsprofil an den Sportunterricht: blinde und sehbehinderte Jugendliche sollen gemeinsam und gleichberechtigt Sport treiben.
- Trotz zahlreicher Bemühungen durch das Kultusministerium leidet die Sonderschule unter ihrer Stigmatisierung. Unseren Realschülern ist diese Einstufung der Umwelt bewusst. Aus diesen Erfahrungen der Geringschätzung entstand bei den Schülern der Wunsch, der Umwelt zu zeigen, dass sie Ähnliches leisten können wie die Anderen. Dafür brauchen unsere Schüler aber mehr Mut, mehr Selbstvertrauen und mehr Selbstbewusstsein. Für uns als Schule dehnt sich somit die zu erfüllende Aufgabe weit über reine Wissensvermittlung hinaus.