Es ist 7.30 Uhr, an der Haltestelle Otto-Hahn-Straße stoppen Busse. Eine Schar von Schülern drängt geschäftig schwatzend über den Schulhof auf ihr Schulgebäude zu. Mit dem Fahrrad, zu Fuß und per Auto erreichen immer mehr Schüler das Scheffel-Gymnasium in Lahr. Um 7.45 Uhr sind fast alle 930 Schüler durch die großen blauen Türen verschwunden, die in das ausgedehnte Gebäude führen, denn der Unterricht beginnt.
Eine Stunde später halten erneut Busse in der Otto-Hahn-Straße. Als sich die Türen öffnen, drängen die 86 Schüler der Georg-Wimmer-Schule für Geistigbehinderte geschäftig schwatzend auf ihr Schulgebäude zu. Schnell sind sie darin verschwunden, denn der Unterricht beginnt um 9 Uhr.
Zwei Schulen getrennt durch eine Straße, Tempo-30-Zone, verkehrsberuhigter Bereich.
Ein unüberwindbares Hindernis?
„25 Jahre unterrichte ich am Scheffel, aber ich habe es bis heute nicht geschafft einen Fuß über die Schwelle dieser Schule zu setzen“, so Astrid K., Lehrerin des Scheffel-Gymnasiums bei ihrem ersten Besuch in der Georg-Wimmer-Schule.
Ein Kunstprojekt gab schließlich den Anlass für gegenseitige Besuche.
Drei Monate lang machten sich neun Schüler der Hauptstufe der Georg-Wimmer-Schule auf den Weg ins gegenüberliegende Scheffel-Gymnasium. „Am Anfang war alles schon ganz schön komisch“, beschreibt der Georg-Wimmer-Schüler Dominik das erste Treffen. Auch die Gymnasiasten hatten anfangs Bedenken. „Ich wusste zunächst nicht, wie ich mit den Behinderten umgehen soll, doch schon nach dem ersten Treffen habe ich mich unheimlich auf die nächste Projektstunde gefreut.“ So die 12-jährige Mareike, die sich im Oktober zusammen mit 17 Mitschülern für eine Teilnahme am Kunstprojekt entschieden hat. Zu Beginn der Treffen ‚angelte’ sich jeder Georg-Wimmer-Schüler ein Paar Gymnasiasten bei einem Spiel. Diese nach dem Zufallsprinzip entstandene Kleingruppe arbeitet im weiteren Verlauf des Projekts zusammen an einem Kunstwerk.
Dabei sollen die Schüler gemeinsam Ideen entwickeln, wie sie eine Begegnungssituation darstellen können. Sie müssen sich auf die Art der Darstellung einigen und miteinander absprechen, wie die anfallenden Arbeiten erledigt werden. Dieser Rahmen soll ihnen die Möglichkeit geben sich kennen zu lernen und Berührungsängste abzubauen.
„Wie kann man sich begegnen?“ Mareike, Dominik und Laura grübeln in ihrem 3er-Team. Ein paar Minuten später stehen sich Laura und Dominik gegenüber, zaghaft berühren sie sich an den Händen. Mareike zeichnet den Schattenriss der beiden lebensgroß auf einen Karton. Danach knien alle drei auf dem Boden, um das Bild mit Teppichmessern auszuschneiden. Die Schnittlinien treffen sich irgendwann.
Ein paar Wochen später experimentieren die Schüler mit verschiedenen Drucktechniken. Mareike, Dominik und Laura bemalen sich die Hände und gestalten ein großes Papier mit ihren Handabdrücken. Bei den folgenden Treffen wird der Schattenriss mit den Handabdrücken hinterklebt und die Pappen angemalt. Dominik, Laura und Mareike lachen miteinender, sind genervt voneinander, arbeiten zusammen und jeder für sich.
Im Dezember sind die Arbeiten beendet. Mareike, Laura und Dominik lachen über Fotos von der gemeinsamen Arbeit und knabbern dabei Chips. Die Schüler feiern ein Abschlussfest und berichten den geladenen Reportern stolz von ihrem Projekt. „Auch wenn wir uns manchmal nicht einig waren, mit Teamwork haben wir es doch geschafft“, verrät Laura und erzählt von der geplanten Ausstellung für Schüler, Eltern und Lehrer beider Schulen.
Drei Wochen später, es ist 13.15 Uhr und Mareike hat für heute Schulschluss. Als sie ihr Fahrrad losschließt, sieht sie Dominik auf dem Pausenhof gegenüber. Er winkt ihr zu. Mareike muss grinsen und winkt zurück. Schnell überquert sie die Straße und ruft „Ich freu mich schon riesig, wenn wir uns an eurer Schule zur Ausstellung treffen.“ Dominik strahlt übers ganze Gesicht. „Ich freu mich auch“, ruft er und eilt dann schon wieder in Richtung Schulhaus, denn die Pause ist vorbei.
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