Besondere Kinder - besondere Wege
Leben wie die Großen - Text

Leben wie die Großen

Jeden Dienstag heißt es für uns „Raus aus der Schule!“ Was wir gemeinsam machen, ist nichts Neues. Wir kochen unser Mittagessen und tauchen ein in das Leben der Großen. Nur das Wie hat vieles verändert.

Die Klassen der Hauptstufe lösen sich dienstags auf, und es werden altersgemischte Projektgruppen gebildet, die das ganze Jahr zusammenbleiben. Acht Wochen dauert das „Kochprojekt“. Die anderen Projektgruppen befassen sich in diesen acht Wochen mit anderen Themen wie zum Beispiel „Erlebnispädagogik“, „Musik“ oder „Sachkunde“. Dann wird getauscht.

Zunächst wird in der Schule geplant. Hier heißt es: sich entscheiden, sich absprechen, sich  einigen. Alles, was für diese Vorbereitungen gebraucht wird, liegt bereit, ist den Schülern zugänglich und vor allem vertraut. Das macht sie unabhängig und damit stark.

Mobilitätstraining bei der Fahrt zur Trainingswohnung mit der Straßenbahn.

Einkaufen zu zweit oder alleine. In der Wohnung kann es gleich losgehen, denn jeder hat sein Rezept und seine Arbeitsanweisung zur Hand. Und, was ganz wichtig ist, das Gerüst des Ablaufs ist acht Wochen lang dasselbe. Das wird nicht langweilig, sondern lässt Sicherheit wachsen und damit Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Ich werde groß, weil ich mir immer mehr zutraue.

Spannend war es auch, zu sehen, wie die Kleinen von den Großen lernen, ganz leise und unaufgeregt. Wie sich herausforderndes Verhalten verflüchtigt, weil ich schon morgens weiß, was auf mich zukommt. Weil ich mitbestimmen kann, was ich mir zutraue. Ich werde mit meinem Können gebraucht, wenn ich gemeinsam mit den anderen  zufrieden vor einem Drei-Gänge-Menü mit Salatteller, Hauptspeise und Nachtisch sitzen will. Das Leben braucht Zeit, und Zeit haben wir an diesem Tag, weil keine Schulglocke vorgibt, in welchem Rhythmus wir durch den Tag gehen. Jeder hat sein Tempo, und auf wundersame Weise stehen wir dennoch wieder pünktlich an der Straßenbahn, die uns zurück zur Schule bringt.

Da wächst ganz viel: die Schüler, das Miteinander, die Lehrer, die Zufriedenheit, die Kommunikation, die Kompromissfähigkeit, unser Kochbuch und damit die Wahlmöglichkeiten, der Respekt vor dem anderen, die Handlungskompetenz. Und auch das Glück wächst. Dabei haben wir nichts anderes getan als schon die Jahre zuvor. Nur ein bisschen anders und in einem anderen Rahmen.